Rutschpartie mit Affenbesuch

03Juli2018

Dienstag. Ab aufs Landwirtschaftsprojekt. Immer noch genügend Mais da, um tagelang durch die Felder zu gehen und alles, was trocken ist, zu brechen. Hinfahren ging gut, wir waren nur zu neunt hinten, der Weg war relativ trocken und an den metertiefen Pfützen zumindest nicht so rutschig wie sonst und relativ zeitig kamen wir in Foumbot auf dem Feld an.

Trotz Zwischenstopp, als gut 20 oder 30 Affen plötzlich kreischend über den Weg rannten. Sie waren einige Meter vor uns aus der Böschung gehüpft und flüchteten vor dem Motorenlärm, aber irgendwie war es schon ein Spektakel. Sie waren rötlich braun, vielleicht halb so groß wie ich, wenn sie sitzen gehen sie mir vielleicht bis zum Knie, nur der Schwanz war ewig lang. Fotos hab ich leider nicht. Am Ende hüpfte sogar ein junger Affe etwas ungekonnt hinter den Anderen her und brachte uns alle zum Schmunzeln. Kamerunischer Gedanke dazu: Den hätten wir jetzt schon festhalten können. Zumindest den Kleinen. Ich stell mich blöd und frag, warum. Mir wird geantwortet, na zum Aufziehen, zum Züchten, das ist voll das gute Fleisch. Affenjagd ist zwar verboten, aber durchaus noch üblich und das Fleisch sehr wertvoll und teuer. Muss ich nicht haben und war im Nachhinein froh, dass alle entkommen sind und wir uns über den Kleinsten noch lustig machten, bevor wir anhielten und ihm somit einen guten Vorsprung ließen.

Ab an die Arbeit. Zu Anfang bekam wieder jeder ein Brot und eine Avocado und dann gings los. Jeder kam wieder mit seinem Sack, ich schmiss bei dem rein, der gerade am nächsten Stand und so arbeiteten wir Reihe für Reihe ab. Die Sonne war unerträglich heiß und da wir alle Durst hatten, war der erste 20Liter Kanister auch schnell zu Mittag leer. Als wir dann am Haus am Eingangsbereich sortierten und den Mais zum Trocknen auf den Dachboden brachten, fing es an, stark zu regnen. Während wir der Arbeit weitergingen, machte sich Patecru schon Sorgen über die Heimfahrt und es wurde gescherzt, wir können ja auch hier schlafen. Betten gäb es. Zwei Doppelbetten für ca 15 Leute. Alles klar ;). Natürlich sind wir heimgefahren …gelaufen. Der Regen hörte zwischendurch auf, wir beeilten uns und kamen Nieselregen los. Durch das Abkühlen war es schön frisch, was dem Motor zugutekam, nur uns hinten drauf leider nicht so (ich hatte Tshirt, Pulli und Regenjacke an). Die Kleinen wurden alle vorne mitreingezwängt und wir waren hinten nur noch zu fünft. Relativ gut kamen wir auf der asphaltierten Straße an und düsten einmal nach Baham. Inzwischen regnete es übrigens wieder.

Dort angekommen sah die Straße schon ganz anders aus. Das Viertel (Demko), in dem wir die Angestellten lassen sollten, hat keine geteerten Straßen und der Weg war furchtbar nass und rutschig, es hatte den ganzen Tag geregnet, wurde uns mitgeteilt. Und so drehten dann auch die Räder durch. Es hieß wieder: absteigen! Und schieben. Die ersten paar Male lief das ganz gut, immerhin waren ja paar starke Jungs unter uns und wir konnten die Hälfte der Personen gut zu ihnen nach Hause bringen. Weiter ins Centre kam dann das Problem: Erst einmal ging es steil einen Berg runter, dann über eine Brücke und wieder rauf… so halbwegs. Und dann in eine tiefe Furche abgerutscht. Absteigen! Schieben! Nichts. Nicht vorwärts, nicht rückwärts, stecken geblieben. Bis sich dann ein bisschen Erde löste und das Auto rückwarts nach unten schlitterte. Die Bremsen taten auch nur das, was sie konnten, denn die Reifen drehten einfach durch und rutschten so oder so. Schon ziemlich heldenhaft manövrierte Patecru den alten Toyota da raus, fuhr zurück zu Brücke und startete einen neuen Versuch. Immer an derselben Stelle rutschte das Auto in diese Rinne und kam nicht mehr weiter. Wir versuchten es also noch einmal in die andere Richtung: Dasselbe Problem bei mehreren Anläufen. Was blieb da noch übrig? Beine, wir haben alle zwei Beine. Wir stellten das Auto ab und es ging zu Fuß weiter. Im Regen. Vom durchgedrehten Rad angespritzt mit roter Erde und Matsch. Mit den Füßen in fließendem Wasser. Fünf Minuten, zehn, eine halbe Stunde. Dann waren wir endlich auf der geteerten Straße. Nochmal eine halbe Stunde. Und dann endlich völlig fertig und abgefroren nach Hause. Wasser aufsetzen, erst mal den Dreck grob abmachen. Einmal schön heiß eimern (also duschen aus dem Eimer, gruß an Lea;)) und sich ans Feuer setzen! So normal ist hier irgendwie gar nichts.

Foumbot und Hochzeiten der Bamoun

29Juni2018

Kinderbesuche… das hört sich irgendwie nicht richtig an, aber ich finde im Moment auch grad kein besseres Wort dafür. Meine erste Station war schon in Douala, als Flo heimflog. Kurz vorher haben wir noch bei Maiva vorbeigeschaut und ihr und ihren großen Schwestern beim Kartoffeln schälen geholfen, da sie daraus Pilé machen und das verkaufen. So eine Art Imbissbude gibt es in Kamerun an jeder Ecke, mit Spaghetti-Omelett, Avocado-Püree und oft auch Bohnen oder Pilé (zerstampfte Kartoffeln mit roten Bohnen und Röstzwiebeln).

Nächste Station waren vier Tage Foumbot. Gemeinsam mit einem der Bewohner, die über die Ferien im Centre bleiben und der auch eingeladen war, ging es auf zur Hochzeit in die Gegend der Bamoun. Die sind zwar noch Bamiléké, aber haben irgendwie einen zusätzlichen eigenen Kulturteil, der durch das Reich des Sultans von Foumban ausgeprägt wurde. Bevor es zur Hochzeit am Freitag und Samstag kam, wurden wir Donnerstag erstmal herzlich empfangen. Assan, der Cousin von Nouria, der aber mit ihnen wohnt, führte uns ein bisschen durch Foumbot und zu seiner Familie am anderen Ende der Stadt und somit verbrachten wir den ganzen Tag relativ schnell. Abends warteten wir dann mehrere Stunden auf eine weitere Freundin, die eintreffen sollte, und das kamerunisch durcheinander ablief, wir somit mehrere Runden zum Carrefour machten, dass selbst die Leute dort anfingen, sich zu fragen, was genau wir denn suchen.

Nächster Tag: Um fünf Uhr morgens fängt die Moschee direkt neben dem Haus an, zu singen. Somit war an ausschlafen nicht wirklich zu denken und wir hatten ja auch Programm, sodass wir alle recht früh aus den Federn kamen. Zum Frühstück gab es Omelett im Baguette und wir machten uns auf Spaziergang. Auf und ab ging es zu der alten Schule von Assan und nochmal zu seiner Familie, damit auch die Freundin, die erst gestern Abend ankam, alle kennenlernte. Gegen Mittag kamen wir dann wieder zurück und es gab Couscous. Couscous ist eine Spezialität aus der Gegend der Bamoun und wird dort ein bisschen anders zubereitet als im Rest des Landes. Im Prinzip wird nur Maismehl in Wasser eingerührt, aber das kann zu verschiedenen Konsistenzen führen und irgendwie hat jeder so seinen Geheimtipp. Das Ganze wird mit Tomatensoße oder Gombo (so glitschiges Gemüse, das für ein ziehendes grünes Etwas in der Soße verantwortlich ist) oder beides vermengt gegessen. Gombo hab ich gelernt zu mögen, hat aber einige Anlaufzeit gebraucht und die Technik mussten mir die Kinder im Centre auch lange beibringen. Man isst Couscous mit der Hand und taucht das in die Soße ein, dreht die Hand und macht eine kleine Wurfbewegung, damit das nicht alles wieder runterflutscht. Hört sich vermutlich weniger appetitlich an, als es dann wirklich schmeckt.

Gegen Nachmittag ging es dann auf den ersten Teil der Hochzeit. Weit draußen im Nirgendwo am Geburtsort der Frau (im Kamerunischen nennt man das dann „brousse“ = im Busch). Die Zeremonie war ein bisschen traditionell orientiert und mit ganz viel Gesang wurde die Familie des Ehemannes angekündigt. Die kamen mit vielen Dingen: Stühlen, Getränken, Gebetsteppiche und was man noch so braucht und dann wurde die sich verheiratende Frau gesucht. Gemeinsam mit einer anderen jungen Frau wurden sie auf zwei Stühle im Mittelpunkt gesetzt und die anderen umkreisten die beiden singend. Ihnen wurden die Füße und die Hände gewaschen und ein bestimmtes Öl benutzt, dann wurden sie hinausgeführt, um sich einzukleiden. Beide bekamen die genau gleiche Kleidung aus demselben Stoff, nur wirkte eine weniger glücklich als die Andere. Lange haben wir überlegt, ob der Ehemann Polygamie unterschrieben hat und die beiden auf einmal heiratet oder wie auch immer, bis wir dann fragten und aufgeklärt wurden. Es wird eine Frau aus der Familie des Mannes ausgewählt, die sich sieben Tage lang um den Haushalt der frisch Verheirateten kümmert, kocht usw. Warum sie die Zeremonie so mitmacht? Tradition und das Ganze war sehr viel mehr verständlicher.

Danach sollte es noch eine kleine Feierei geben, DJ war eingeladen, Generator für Strom mit genügend Treibstoff angeschafft und dann kam eine Mama, die sich weigerte und somit drohte, das ganze Fest zu platzen. Nach langem Diskutieren wurde dann doch akzeptiert und wir, die eigentlich schon heimwollten, waren mehr oder weniger dort festgehalten, weil die wenigen Motos, die da waren, nicht bereit waren, gerade für uns zu arbeiten. So schauten wir dem ganzen Trubel ein bisschen länger zu und es kam zu den „tours d’honneur“ (=Ehrenrunden). Und da Assan dort sehr tief mit hineingehörte, kam ich gar nicht darum herum, dass mein Name durchs Mikro ertönte und ich mir von den vorgestellten Herren einen aussuchen musste. Das gab natürlich einen guten Anblick und ich wartete nur darauf, dass es vorbei war. Dann kam auch noch die Musik dazu: Bamoun, typisch Bamoun. Das heißt für mich vor allem vollkommen unbekannt. Und so wurden mir zwar ein paar Grundschritte beigebracht, aber ich hatte das Gefühl, mich immer noch gut zum Affen zu machen. Irgendwann nachts konnten wir dann glücklicherweise auch heim.

Nächster Tag: Assan hatte ein Fußballspiel, da schauten wir zu und abends ging es auf die offizielle Hochzeit. Die lief dann ab wie die meisten anderen auch, nur dass man dort nicht zurückhaltend ist wie sonst und ich schon wieder zu den Tours d’honneur tanzen durfte oder sollte. Diesmal vor noch mehr Leuten, aber war ganz lustig, weil mein Tanzpartner Angst hatte, dass es mir unangenehm sei und alle zwei Sekunden fragte „ca va?“. Auch da kamen wir wieder spät nach Hause, aber lustig war es und mir hat sonst noch gut gefallen, dass es keine Sauferei gab. In der Gegend sind sehr viele Muslime und auch das Hochzeitspaar und somit wurde anstatt Wein und Whisky eher selbst gepresster Ananassaft verteilt.

Den letzten Tag nutzten wir dann, um ein bisschen touri zu sein. Wir wollten zu einem Kratersee, allerdings gibt es Aberglauben, dass man davor den Chef du Village um Erlaubnis fragen muss und dies und jenes tun soll, um nicht dort für immer festgehalten zu werden. Das ist jetzt eine Glaubensfrage, aber man hatte Angst um mich und somit begnügten wir uns, einen etwas steilen Hügel hochzuklettern und die Aussicht von da aus zu genießen.

 

Neues vom Landwirtschaftsprojekt – Maisernte

26Juni2018

Eine ganz schöne Weile war es her, dass ich mit aufs Feld gefahren bin. Es waren ja auch immer andere Pflichten zu erledigen, die Kinder zu unterhalten und unterrichten, sich um dies und jenes kümmern und als junges Mädchen hat man ja eh kaum die Kraft und das Durchhaltevermögen, richtig sinnvoll mitarbeiten zu können. So wurde die letzten Monate immer begründet, es sei besser, wenn ich bei meinen Kindern bleibe etc etc.

Jetzt, da ja alle weg sind und auch Flo das Land verlassen hat, war es für mich eigentlich kaum eine Überlegung wert, ich wollte auch mal wieder sehen, wie es dort voran geht. Was ich nicht wusste: an demselben Tag haben sich das ungefähr 20 andere Personen auch gedacht und so standen wir zu 18 hinten auf der Ladefläche des PickUps, der auch vorne in der Kabine komplett besetzt war. Gar nicht so einfach, wenn das Auto einem dann plötzlich klein vorkommt und der 30 Jahre alte Motor vorsichtig rattert.

Und das gute zwei Stunden lang mit ständigem Hin- und Herschaukeln, weil die Straße immer noch so schlecht ist wie Anfang des Jahres. Dafür gibt es auch nicht allzu viel Hoffnung, denn das ist schon seit Jahren so und wird sich vermutlich zunehmend verschlechtern. Da ja Regenzeit ist, wurde das Ganze ein Ratespiel, denn die Tiefe der mit Wasser gefüllten Pfützen variiert zwischen 20 cm und 1 Meter. Einige Male hieß es „Descendez“ und wir zu 18t hinten alle schnell runtergesprungen, bisschen angeschoben, Pfützen ausgewichen und wieder raufgeschwungen. Auf die Dauer von zwei Stunden wird das nicht nur anstrengend, durch das ständige Bremsen hat man irgendwann bei 20 km/h das Gefühl, man ist gerade ziemlich am Rasen.

Endlich angekommen ging es dann an die Maisernte. Natürlich wollte ich davor noch schnell die zwei Familien grüßen, die durch unsere Versammlung im Norden jetzt permanent in Foumbot vor Ort arbeiten. Der kleinste, Nestor, hat immer noch Angst vor mir, weil ich weiß bin und lief schnell sich verstecken. Immer wenn ich an ihm vorbeimusste, machte er einfach tapfer die Augen zu im Sinne „aus den Augen, aus dem Sinn“. An dem Dienstag brannte die Sonne unermüdlich vom Himmel und bescherte zwar so jede Menge getrockneten Mais, den wir dann Kolben für Kolben abbrechen und in Säcken zum Haus transportierten, mir persönlich aber auch eine schöne rote Indianerhaut, die die Anderen alle sehr lustig fanden.

Was sich vielleicht nicht wirklich anstrengend anhört, kann ganz schön ausarten und wir waren von 10 bis 16 Uhr damit beschäftigt, den ganzen Mais abzubrechen, den Weg bis zum Haus in großen 50kg Säcken zu schleppen, zu sortieren und im Dachgebälk einzulagern. Das ständige in den Sack Werfen, die Tragerei und auch die Wegstrecke machten mich ziemlich schnell fertig und ich durfte das auch noch am nächsten Tagen in einem schön starken Muskelkater am linken Arm spüren.

 

Doch das wars noch nicht. Ein bisschen erschöpft kletterten wir dann wieder zu 18t auf die halbbeladene Ladefläche und machten vielleicht drei, vier Kilometer, als der Motor meinte „Stopp“. Natürlich ist ein solcher Toyota Hilux nicht für 21 Leute und einige Säcke Mais, die wir nicht am Feld gelassen haben, gemacht, aber probiert wird trotzdem immer und überladen gibt es in Kamerun so als Wort vermutlich gar nicht. Trotzdem hieß es für uns dann. Zu Fuß gehen. Und weil gerade bergauf den Motor so erhitzt, wurden wir unten rausgelassen und sollten uns oben am Hügel wiederfinden. Taten wir auch, aber aufsteigen? Nee. Erst einmal vorbei und weiter zu Fuß, um sich am Ende der Hügelkette wiederzufinden. Zu einem gewissen Zeitpunkt überholte uns die gute alte Karre und ab diesem Moment hofften wir, nach jeder Serpentine den parkenden Toyota zu sichten. Und wurden sehr oft enttäuscht. Eins ist sicher, wir haben einige Kilometer und eine knappe Dreiviertelstunde Fußmarsch hinter uns und am Ende des Tages, als wir wieder in Baham waren, hieß es nur noch duschen, essen, schlafen.

Der große Bruder – Hommage an meinen Lieblingsfranzosen

23Juni2018

Baham, 19. Juni

- 11:00 Uhr: Abfahrt nach Douala

Douala, 23. Juni

- 19:00 Uhr: Eintritt in das Flughafengebäude

- 21:30 Uhr: Abflug nach Paris, bye bye Flo

 

Manche Menschen lernt man kennen, weil man das will und selbst einige Hindernisse dafür überwinden will. Andere will man erst gar nicht kennenlernen und dann gib t es noch solche, die einfach in dein Leben treten, da sind und nie wieder wegzudenken sind!

Und hier war es eher letzterer Art. Mein französischer Mitfreiwilliger Flo oder Floflo, le francais, wie wir ihn anfangs oft nannten und letztendlich der beste Freund, der aber mehr der große Bruder geworden ist, den ich davor nie hatte.

Von einem Tag auf den anderen sollten wir zusammenarbeiten. Neun Monate lang ohne sich jemals gesehen oder gesprochen zu haben, ohne den anderen zu kennen. Zusammen wohnen und arbeiten, so hieß es anfangs. Dann ging es weiter, nach der Arbeit gemeinsam auf den Markt, gemeinsam einen trinken oder gemeinsam  Fußball schauen, gemeinsam zu Freunden und gemeinsam wieder heim. Aber irgendwie hat es sich nie gezwungen angefühlt. Irgendwie war es selbstverständlich und trotzdem jedes Mal Qualitytime, in der wir redeten, lachten, genervt oder deprimiert waren, um uns dann wieder zu motivieren. Gespräche mit nichts außer Wahrheit über den Alltag, die Leute, Gedanken und Gefühle immer mit der Sicherheit, verstanden oder zumindest akzeptiert zu werden. Ehrlichkeit ist eine Tugend und es war auch uns höchstes Maß.

Gemeinsam meisterten wir teilweise Überforderung, notwendige Anstrengungen und zuletzt wurden wir sehr gute Freunde, die nichts zu verstecken haben und auch nicht müssen. Warum ich ihn doch eher als großen Bruder sehe: Weil wir zusammen gewohnt haben und jeder die Macke des anderen kennt, sich darüber lustig machen oder aufregen kann und wir uns irgendwie immer gegenseitig helfen konnten. Und sei es nur eine Umarmung oder die Präsenz des Anderen, so konnten wir auch Stunden verbringen, ohne ein Wort zu sagen, aber es war trotzdem nie peinlich oder unangenehm.

Das Centre wurde sehr schnell unser Zuhause, aber es war auch immer klar, dass wir da mal raus müssen und neue Energie tanken, einen Ausgleich finden müssen. Anfangs waren das kurze Spaziergänge, bei dessen Rückweg wir uns dann meistens ein „Caramelle“ (karamellisierte Erdnüsse) holten. (Unsere erste Untat, die dann leider durch die Krankheit der Maman, die die immer machte, ihr Ende fand). Gegen 16 Uhr gingen wir meistens auf den Markt und hatten wir mal nichts zu besorgen (Klopapier noch da, Basisprodukte im Kühlschrank, Kaffee noch nicht leer), landeten wir in der Boulangerie am Ende der Straße, unterhielten uns bei einem Bier oder einer Limo über Gott und die Welt und kamen gemeinsam auf den Geschmack kamerunischer Musik.

An all dem war das Schöne immer, dass nicht auf mich herabgeschaut wurde und mein Alter eigentlich keine Rolle spielte. Ob ich jetzt zwei oder fünf Jahre jünger gewesen wäre, er hat sich mir so angenommen, wie ich bin und mir immer direkt gesagt, wenn etwas nicht läuft. Und ich habe gelernt, genauso zu vertrauen und diese Basis konnte ich bis jetzt nur sehr selten erweitern. Mir bleibt nur, das zu schätzen und weiterzuführen, was dieses Jahr entstanden ist und uns aufrechtzuerhalten. In Gedanken an einen der großartigsten Menschen in meinem Leben.

303 Tage – 10 Monate Großfamilie

15Juni2018

Fast ein ganzes Jahr lang 20 Geschwister haben – so genau in dem Sinne habe ich mir das zwar anfangs nicht ausgesucht, aber willkommen in meinem Freiwilligendienst in einem Centre für sozial vernachlässigte und / oder behinderte Kinder und Jugendliche.

Die Kinder sind weg. Am 18. Juni war der Abholtag und tatsächlich kam auch der Großteil der Mütter pünktlich an diesem Tag. Und nahmen mir meine Kinder weg. Also, es sind ja deren Kinder, aber sie sind mir so stark ans Herz gewachsen, nannten mich zum Teil sogar wirklich Maman (natürlich die Kleinen) und ich wurde auch vom Personal scherzhaft „La mère des enfants“ genannt, da ich mich halt um sie kümmerte.

303 Tage morgens Kinder waschen – 303 Tage deren Frühstück machen – 303 Tage Wassereimer für sie tragen und Rollstühle schieben – 303 Tage kleine Wunden verarzten und Grippe etc auskurieren – 303 Tage die Wäsche der Kleinen waschen – 303 Tage Umarmungen, Spiele und Freundschaften ausmachen – 303 Tage Lachen, Labern und Lieben – 303 Tage Familie

Wer bin ich, der einfach so in den Alltag der Kinder treten konnte und plötzlich eine so wichtige Bezugsperson geworden ist. Wer bin ich, der meint, den Kindern ohne Ausbildung schulisch lesen und schreiben beibringen zu können. Wer bin ich, der so einige Male Streitereien schlichten sollte und sich und seine Meinung und allgemeine Prinzipien durchsetzt. Wer bin ich, um all das von den Kindern zu verlangen und warum habe ich es verdient, dass sie mich akzeptieren, mir Wärme und Freundlichkeit entgegenbringen. Wie bin ich einfach so Teil der Familie geworden, ohne das wirklich zu verstehen und zu merken.

Jedes Jahr kommen hier neue Freiwillige und doch werden sie jedes Jahr aufs Neue herzlichst aufgenommen und eingegliedert, ohne Vorurteile, ohne große Probleme und ohne Angst, sich emotional zu sehr an die Person zu hängen. So schön es ist, den Kindern und Bewohnern so nah gewesen zu sein, so leerer ist jetzt irgendwie das Centre und auch mein Herz (klingt übertrieben, aber so fühlt es sich an). Nicht nur die Kinder und Bewohner sind auf mich zugekommen, auch ich habe mich sehr fest in diese Familie eingefügt und mein gerade noch so stabiler Platz im Mutter-, Schwester- oder Freundedasein scheint sich irgendwie in Luft aufgelöst zu haben. Sie sind alle weg. Und mein Herz und meine Gefühle, die daran hängen, wurden mit fortgezogen, in jede Ecke Kameruns, wo die Kinder jetzt zwei Monate bei ihren Familien verbringen.

Wem das jetzt zu sentimental wird, der kann gerne aufhören zu lesen und ich verlange von niemandem, das nachempfinden oder nachvollziehen zu können. Ich denke nur an den kleinen siebenjährigen Ulrich, der sich schon eine Woche vorher Gedanken gemacht hat, wofür er mir danke sagen will und an den Vater von Junior, der einige Tage früher gekommen ist und diese mit uns verbracht hat und so stolz war, als er ich zu ihnen nach Hause eingeladen hat und ich denke an die Spiele wie Eierlauf, Stopptanz und Sackhüpfen, die wir am Tag des Abschlussfestes gemacht haben und den Spaß, den wir dabei alle hatten.

Und es ist an diesem Punkt, dass ich mir darüber bewusst werde, dass dieser Freiwilligendienst schon lange nicht mehr nur Aufregung und ein Abenteuer ist, sondern mein Leben. Mein ganz normales Leben, nur an einem anderen Ort, in einem anderen Land. Dass ich schon lange über kulturelle Unterschiede und Sprachbarriere hinweg bin und einfach hier dazu gehöre, fest eingebunden bin und meine Rolle in der Gesellschaft gefunden habe. Ich lebe hier.

Jetzt, wo die Kinder und Bewohner fast alle weg sind, muss ich mir noch einmal über meine Rolle klar werden. Es organisiert sich alles noch einmal anders, ich wohne im Centre jetzt nur noch mit zwei der Bewohnern, die nicht in ihre Familien gehen können und habe auch sonst kaum noch eine große Aufgabe, wie die, sich um meine ganzen kleinen Rabauken zu kümmern und mit den Größeren gemeinsam Hausaufgaben erledigen, zu reden, zu spielen und Zeit zu verbringen.

Hier noch ein paar Fotos zum Abschlussfest:

   

Hörgeräte für Cami und ein neues Atelier

10Juni2018

Im Oktober 2017 erreichte mich eine private Spende über 300 Euro mit dem einzigen Hinweis „für etwas Gutes in Kamerun“. Diesem Herrn Georg Warning würden meine Kinder aus dem Centre und ich gerne danken, wie auch immer er vielleicht zu erreichen ist. Ansonsten bleibt uns nichts anderes als das hier öffentlich zu machen und somit einen Weg der Dankbarkeit auszudrücken.

Was mit dem Geld passiert ist: gemeinsam mit dem Direktor und dem Personal unserer Einrichtung haben wir überlegt, wie das am besten eingesetzt werden kann. Dadurch kamen wir auf folgende Lösung:

 

  • 100 Euro habe ich behalten, um mich am Wochenende um das Frühstück der 20 Kinder zu kümmern. Das ist normalerweise nicht im Essensprogram eingerechnet, es wird von ihnen selbst Mittagessen zubereitet (das dauert meistens einige Stunden) und bis dahin durchgehalten. SO konnte ich aber jetzt ab und zu Beignets auf dem Markt holen und der kleine Hunger zwischendurch wurde gestillt, an einem anderen Tag haben wir BHB (siehe letzter Blogeintrag) gemacht und alle sehr gut gegessen.
  • Ein weiterer Großteil wurde Cami zum Nutzen gemacht. Er ist eines der Herzmitglieder und mit seinen 17 Jahren vermutlich auch das Jüngste. Überall, wo Hilfe gebraucht wird, ist er mit dabei, wenn man um Hilfe fragt, bekommt man nie ein <Nein> als Antwort und seine täglichen Aufgaben sehen ungefähr so aus: Holz hacken, Wasser holen, schwere Dinge schleppen, Kinder im Rollstuhl zwischen Centre, Reeducation und Schule hin- und herschieben etc. Er selbst konnte leider nicht in die Schule gehen (auch wenn es sein allergrößter Wunsch ist), da er immer schlechter hört und sich dadurch auch nicht gut ausdrücken kann. Letztens wurde ein Hörgerät für ihn gefunden, nur leider musste das auch auf ihn angepasst werden. Dadurch war die Fahrt nach Bafoussam ins CERSOM nötig und dafür wurde auch ein Teil der gespendeten Summe benutzt. Dafür sagt Cami jetzt jedem ganz stolz „Ca va? Ca va bien! Je comprends! Je comprends!“ (Wie geht’s dir? Mir geht’s gut! Ich versteh dich! Ich versteh dich!) Jeden Morgen kommt er zu ins in den Salon, um seine Hörgeräte zu holen und gibt sie mir abends pflichtbewusst ab, damit wir sie sicher aufbewahren.

  

  • Der überbleibende Rest wurde zur Konstruktion eines weiteren Ateliers eingesetzt, dass ab nächstem Jahr mit zur Produktion beitragen soll: Es wird ein spezieller Ofen zum Früchte trocknen gebaut, die dann ebenfalls wie die Feld-Produkte verkauft werden sollen und somit zu den Einnahmen beitragen. Dadurch kann sich das Centre mehr und mehr selbst finanzieren und wäre nicht mehr in dem großen Ausmaß auf Spenden angewiesen wie im Moment. Weder der Staat noch eine einheimische Organisation unterstützt unsere Einrichtung auf Langzeitbasis.

 Der Ofen fehlt noch, der Trockenraum muss austrocknen, aber die Arbeit geht trotzdem voran.

Ich will hier keine Mitleid-Aktion einführen, aber trotzdem ist jede Spende, die im Centre ankommt, nützlich und für das Weiterkommen aller nötig. Durch das transparente System ist es auch möglich, einen Bereich auszuwählen, in den man sein Geld stecken will, und dessen Verwirklichung nachverfolgen kann. Selbst wenn es 50 Euro sind, ist das Essen für 20 Kinder für ein, zwei Wochen gesichert und eine Belastung weniger. Ich will hiermit aber niemanden verpflichten, es soll sich niemand persönlich angesprochen oder angegriffen fühlen, ich persönlich habe mich aber dazu entschlossen, dieses Projekt vor allem vor Ort zu unterstützen, aber natürlich auch anderweitig mögliche Beiträge zu leisten, so zum Beispiel den Bekanntenkreis zu erweitern.

 

Spendenkonto:

Wüstenrot Bank AG Pfandbriefbank

Franziska Müller

IBAN: DE59 6042 0020 9800 4119 10        

BIC: WBAGDEA1

Verwendungszweck: Kamerun, Name + Adresse

(Letzteres ist wichtig für die Zustellung der Spendenquittung.)

 

"BHB – beignet haricot bouillie"

27Mai2018

So hieß mein Wochenendprojekt. Das hatte ich den Kindern versprochen, seitdem ich mit der Frau eines Mitarbeiters „couper les beignets“ (eine Art nicht süßer Krapfen, den man „schneidet“) gelernt habe. Und das war irgendwann im März oder so, also schon längst überfällig. Relativ unsicher für die Menge von 25 Leuten fragte ich Pere George nach Rat: heraus kamen 5 kg Mehl und dementsprechend auch die anderen Zutaten in relativ großer Menge. Dazu kamen dann noch die Bohnen (Haricot) mit allem drum und dran eine zu schwere Einkaufstasche, von der deshalb der Henkel abriss. Deshalb musste ich ein Moto nehmen, nur leider hatte ich keine 100 Francs mehr, sondern nur 75 Francs (25 Francs ist die kleinste Einheit). Ich hoffte einfach auf nen netten Motofahrer, der mal ein Auge zudrücken kann und glücklicherweise hat der erste, den ich gefragt habe, das dann auch gleich akzeptiert. Der grüßt mich jetzt immer ganz lieb, wenn wir uns über den Weg laufen.

Einmal zuhause sah ich nur den großen Berg an Tomaten, der aufgeschnitten werden sollte, das ganze Grünzeug, die roten Bohnen und den Rest für den Krapfenteig. Die Bohnen stellten die Kinder abends aufs Feuer, darum hatte ich sie gebeten, da das mehrere Stunden dauern kann. Am nächsten Morgen stand ich um sechs auf, um den Teig anzusetzen, dass rechtzeitig zum Frühstück alles fertig war. Was ich dabei verplant habe: die Zeit, die es benötigt, die Beignets zu formen und zu frittieren.

Wir schnitten davor alles mögliche auf, das in die Bohnen musste: Zwiebeln, Tomaten, Lauch, Sellerie und und und und letztendlich blieb noch der Knoblauch und Piment, den wir auf Stein klein mahlen wollten. Das Ganze kam aufs Feuer und wurde dann relativ schnell fertig. Dann ging aber die Arbeit erst richtig los. Beignets beignets beignets. Und wir hatten uns in der Menge vermutlich leicht überschätzt, es wurden locker mehr als 300, sodass die Kinder morgens die Reste reichlich mit in die Schule nehmen konnten, das war der Vorteil. Der Nachteil war, dass ich gute vier Stunden mit zwei Kindern zusammen am Feuer saß und wir immer wieder kleine Teigmengen ins Öl gaben, die sich dann aufblasen und schön goldbraun werden. Dabei hab ich mir auch leicht mein Bein verbrannt, das blieb noch einige Tage lang gerötet, aber was macht man nicht alles für seine Kinder. Und die waren alle glücklich und zufrieden. Ich also auch.

       

Kloster-Hopping oder Foumban?

22Mai2018

Wann immer ein Deutscher oder ein Europäer (vor allem erkenntlich an der leicht unterschiedlichen Tönung) nach Baham kommt und Freunde diese Person kennen, sind wir die Ersten, die das ganz unbedingt erfahren müssen, weil wir sie ja kennen könnten. Bei den über 83 Millionen Menschen, die allein in Deutschland leben, auch überhaupt nicht unwahrscheinlich. Dadurch wurde mir aber angeboten, Foumban anzusehen. In der Gegend der Bamoun gilt diese Stadt mit dem Sultanspalast als großes Kulturgut und ist eigentlich ein Touristenmuss. Einem Deutschen, der zu Besuch in einem Krankenhaus war, in dem Freunde von mir arbeiten, sollte Foumban gezeigt werden und ich war dann natürlich auch mit dabei. Das Krankenhaus war früher ein medizinisches Ausbildungszentrum für Schwestern, die vor allem aus dem anglophonen Bereich kamen und so machte sich eine recht lustige Gesellschaft (wir zwei Deutschen, die verantwortliche Schwester, anglophon, und unser Freund, frankophon) auf den Weg.

Typisch kamerunisch waren natürlich auch noch tausend andere Dinge zu erledigen und so war der erste Stopp dann in Bafoussam beim Bistum. Der Deutsche hatte dem Krankenhaus in Baham Spenden erbracht und dort wurde dann über deren Einsatz gesprochen. Natürlich mal wieder ein bisschen übertrieben ein OP-Haus gefordert. Die weiteren Stopps wurden mir dann auf dem Weg erklärt und mir wurde dann erst klar, dass es nicht nur nach Foumban ging. Aber da ich ja schon im Auto saß, nahm ich die Abenteuerreise mal an.

Zuerst zu einem Schwesternheim seitlich neben der Hauptstraße nach Bamenda. Dieses Kloster lag im Grünen und machte mit der langen Auffahrt und schön angelegten Gärten rechts und links zum Haupthaus ein eindrucksvolles Bild. Es lag ruhig vor einem kleinen Dorf und war relativ groß. Wir machten eine kleine Besichtigungstour, sahen Kühe (echte Milchproduktion), Hühnerfarm und Hasen neben Mangobäumen und allen möglichen Pflanzen. Dann wurden wir eingeladen, selbst produzierten Joghurt (JOGHURT, den ich seit ca 8 Monaten nicht mehr gegessen hab)  mit Keksen zu essen (da kommt man nicht drum rum, aber das war in Ordnung und ziemlich lecker), es wurden Souvenirs gekauft und dann gings weiter. Zum nächsten Kloster…

Dabei ging es erst durch Foumbot, die Stadt, in dessen Umfeld unser Landwirtschaftsprojekt liegt und musste feststellen, dass ich das immer relativ unterschätzt habe, weil ich sonst nur die Peripherie zu sehen bekam. Davor überquerten wir den Noun (ein Fluss, der als Grenze dient) und waren in der Region der Bamoun. Irgendwann machten wir uns dann auf von der Hauptstraße ins Nirgendwo, gut 15 Minuten fuhren wir einen extrem hügeligen und löchrigen Weg entlang zu einem abgelegenen Kloster. Dort empfing uns ein Mann in Uniform mit Kalaschnikow in der Hand, um das Tor zu öffnen und nahmen unseren Ausweis ab, damit wir hinein durften. Er klingelte und eine Art Feueralarm ertönte, um unseren Besuch anzukündigen. Weiter vor dem Gebäude warteten wir lange Zeit, aber irgendwie kam keiner auf uns zu. Als wir dann nachfragten, hieß es, es wird gerade gegessen und danach müssen sich die Mönche noch ausruhen, bevor sie uns empfangen können. Das war alles sehr skurril und unter uns Deutschen deuteten wir auf eine versteckte Militärmission (natürlich eher scherzhaft als ernst, aber bizarr war die Situation auf jeden Fall), die wir dann wieder verließen.

Mittlerweile war es schon Nachmittag und wir seit morgens unterwegs, um nach Foumban zu kommen und ich fing an zu zweifeln, ob wir überhaupt noch dahin kommen würden, denn die Schicht von unserem Freund fing um 16 Uhr an. Glücklicherweise nehmens die Kameruner mit der Uhr nicht so genau und wir kamen dann auch wirklich in Foumban an. Standen vor Sultanspalast, den der Opa vom jetzigen König der Bamoun hat bauen lassen. Tatsächlich relativ beeindruckend, wenn man die sonstige Architektur damit vergleicht und das neue Museumsgebäude war ein Hingucker mehr. Auf dem Dach thronte eine riesige Spinne, die zusammen mit einer zweiköpfigen Schlange und eine Glocke im Dreigespann das Symbol der Bamoun ist.  Wir bekamen eine Führung und durften uns dann selbst aussuchen, wie viel man den Fakten bezüglich der Echtheit abverlangen kann, denn so ganze ohne Mythos geht es hier gar nicht. So sollten wir einen der Könige mit 2,60m Körpergröße als größten Krieger bestätigen und einen anderen, der seine eigene Schrift erfunden hatte, die auch heute noch gelehrt wird.

Am Ende durften wir eine traditionelle Hochzeitsmusik hören und uns wurden viele unbekannte Musikinstrumente angeboten. Dann ging es weiter zum zweiten Schauplatz, einer aus Bambus gebauten Kabine, die eine riesige Trommel beherbergt. Sie sah aus wie ein hingelegter halboffener Baumstamm und war dazu da, die Bevölkerung bei Notstand zu alarmieren. Wir spazierten noch ein bisschen über den Markt, mussten aber dann wieder nach Hause kommen.

Inzwischen war es 18 Uhr und ich wurde noch von den Schwestern zum Essen eingeladen, um danach heimzugehen und im Centre erstmal groß erzählen. Ich konnte nur leider keine Fotos machen, weil ich mein Handy in Reparatur gegeben hatte. Dies leider völlig umsonst, weil keine Lösung gefunden wurde, Fotos habe ich trotzdem keine.

20. Mai – La fête de l’Unité Nationale …aber wo bleibt die Einheit?

21Mai2018

Tag der Vereinigung oder Tag der Einheit. Zu diesem Anlass wird in jeder Stadt ein großer Umzug veranstaltet, alle Autoritäten sind vor Ort, es wird gefeiert und bis spät in die Nacht getrunken und getanzt. Zum Anlass der Einheit. Es bleibt nur leider die Frage: welche Einheit?

1972 wurde ein Referendum abgehalten. Es ging dabei darum, den französisch- und britisch regierten Teil Kameruns zu vereinen. Vereinfacht kann man das an der Flagge erklären. Zu Anfang waren zwei Sterne zu sehen, einer für den französisch regierten Teil, einer für den britisch regierten Teil; diese wurden dann in einem Stern in der Mitte der Flagge vereint.

Seit 46 Jahren wird dieses Fest der Einheit abgehalten und doch stellt man sich die Frage, welche Vereinigung gemeint ist. Seit einigen Jahren treten zunehmend vermehrt Spannungen zwischen französisch- und englischsprachigem Teil auf, die zu mehr oder weniger starken Konsequenzen führen. Die Leute nennen dieses Problem inzwischen „anglophone crisis“.

Ein kamerunischer Sänger, Mr Leo, hat dazu ein Lied geschrieben: „Pray“. https://youtu.be/tbZwuNNnVvE Es gibt darin einen Satz, der das Ganze auf Menschlichkeit rausbringt: „We are one big family, your brother cannot be the enemy. […] We just need to love one another no need to mash up the people.“ (Kleiner Hinweis, wenn sich das wirklich jemand anhöreen sollte: Das ist kein schlechtes Englisch, sondern Pidgin (basierend auf Englisch, mit französischem und lokalem Einfluss) und das Unverständliche zwischendurch eine der 230 Ethniensprachen).

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich das von meinem Standpunkt überhaupt kann und wie viel davon ich verstehe, wiedergeben und vor allem auch bestätigen kann. Ich wohne in Baham, das liegt in der Region West, stark frankophonisiert (aka alle können französisch, kaum einer englisch sprechen und alles, was sich außen rum abspielt, dringt nicht immer ganz durch). Daher bin auch ich selten auf dem neuesten Stand über das ganze Land und man kann auch nicht alle Medien ernst nehmen, die hier verbreitet werden. Kleines Beispiel: Politik in Kamerun ist relativ stark korrupt, Medien und Öffentlichkeit beeinflusst und einseitig.

Was ich sagen kann: Die „anglophone crisis“ beschreibt den Konflikt zwischen der französischsprachigen Mehrheit und der englischsprachigen Minderheit, die sich unterdrückt und nicht stark genug wahrgenommen fühlt. Dies besteht schon seit langem, da durch das Regierungssystem mit dem „gewählten“ Langzeitpräsidenten Paul Biya (seit 1982) kaum einer Unvoreingenommenheit bestätigen kann. In Schulen im englischsprachigen Bereich werden Prüfungen teilweise auf Französisch durchgeführt, man spricht nicht immer freundlich über den anderssprachigen Teil und und und.

Inzwischen wird vor Reisen in anglophone Gebiete (dabei vor allem die Städte Bamenda und Buea) gewarnt, davon abgeraten und Freiwilligen verboten (Auswärtiges Amt). Klar dient dies als Vorsichtsmaßnahme und bedeutet NICHT, dass ständig Bewaffnete um sich feuern, Anschläge geplant werden und Krawalle erfolgen, trotzdem waren die Konsequenzen relativ stark.

Seit Dezember litten vor allem die Freiwilligen in den anglophonen Regionen an der Instabilität. Ein Verdacht auf Unruhe und sie wurden in französischsprachige Gebiete umquartiert, meistens Bafoussam oder Douala. Heimgekehrt wurde eine Ausgangssperre ausgerufen, d.h. zwischen 21.00 und 5.00 Uhr soll vermieden werden, auf die Straßen zu gehen. Internet wurde zensiert und die Freiwilligen dort, sowie Einwohner mussten über VPN und spezielle Apps auf Empfang hoffen. Dann das gemeinsame Seminar in Kribi Ende Januar. Während dieser Woche wurde ein Polizist in Bamenda erschossen, Anschläge vermutet. Resultat: Vorerst alle nach Bafoussam. So ging es hin und her, bis letztendlich entschlossen wurde, dass alle Freiwilligen im anglophonen Teil dauerhaft in den frankophonen Teil verlegt werden, bzw sogar heimgeschickt wurden. Es besteht immer noch die nächtliche Ausgangssperre, nur sonst keine Neuigkeiten. Vielleicht auch zum Glück. Vielleicht ist das alles auch übertrieben vorsichtig, weil in der Stadt selbst nie etwas passiert ist, es bekannte „Krisenherde“ im Umfeld gibt, die sich aber auch beruhigen.

Ich bin von nichts betroffen. Wenn sich jetzt jemand Sorgen über Krieg oder Anschläge macht, hat er das leider falsch verstanden. Es ist keine Panikmache, sondern der Versuch, die Realität so widerzuspiegeln, wie ich sie empfinde. Ich bin nicht unbeeinflusst, stehe zwar auf keiner Seite, aber bekomme vielleicht nicht alles mit und bin auch nicht tief im Thema drin. Wenn ich etwas Falsches geschildert habe, dann bitte ich um Korrektur.

 

Um kurz zum Umzug an sich zurückzukommen, hier einige Fotos: ja, alle waren gut gelaunt und es wurde gelacht und gefeiert, gegessen und getanzt, denn wie ich schon einmal sagte, wenn sie schon einen Anlass haben, wird das meistens auch gleich ausgenutzt.

 

Regensaison ohne Regen

15Mai2018

Erst einmal ein „Hallo“ an alle, die noch lesen und die ich so lange hab warten lassen. Grund dafür gibt es eigentlich keinen richtigen. Nur irgendwie passierte nichts Neues mehr, nichts, worüber ich wöchentlich hätte berichten können. Keine aufregenden Events und Veranstaltungen, zu denen man einen ganzen Eintrag hätte schreiben können. Hier also nun eine Zusammenfassung des Monats April.

Nachdem ich meine Malaria richtig auskuriert hatte, hab ich mir in den Ferien Rastas machen lassen. Darauf hatten die Kinder seit Ewigkeiten gewartet und auch sonst wurde mir immer wieder gesagt, ich solle das unbedingt machen. Und irgendwie saß ich dann relativ schnell beim Friseur. Mir wurde gesagt, ich soll relativ früh kommen und von kamerunischen Freunden, die ich schon zum Friseur begleiten durfte, wusste ich, dass das mehrere Stunden dauert und da war ich dann. Und um mich herum plötzlich fünf jugendliche Mädels und die Chefin, die Haare einflechten, Kunsthaarsträhnen hinzufügen und die angefangenen Zöpfe fertig flechten. Mein Kopf wurde in alle Richtungen gezogen und ich fühlte mich am Ende so, als würde ich dauerhaft einen 5Liter-Kanister auf dem Kopf tragen. Dank der Vielzahl an Helferinnen war ich aber pünktlich zu Mittag durch und durfte mir zuhause anhören, dass ich jetzt eine richtige Kamerunerin sei.

Nach den Ferien ging die Arbeit normal weiter. Wobei wir Freiwilligen eine Zusatzaufgabe hatten: DG flog für ein zweiwöchiges Seminar meiner Organisation nach Deutschland und wir halfen ihm, dafür eine Präsentation und einen Flyer zu erstellen. Mit seinem Abflug verschwand auch das Leitungswasser. Und daraus entwickelte sich ein Problem.

Die vier 1000-Liter Kanister waren schneller leer als gedacht und so ging das Eimerschleppen von neuem los. Anstatt wieder zum Brunnen gute 500 Meter weiter zu gehen, holten wir unser Wasser aus einem kleinen Bach, dem Marigo. Es ist zwar kein Trinkwasser, aber zum Waschen und Kochen geht es einwandfrei. Nur fingen die Kinder an, das auch zu trinken, da nichts anderes da war. Zuerst hatten meine Kleinen, die ich morgens wasche, unerfreulicherweise Durchfall, dann der nächste eine Wurminfektion und ich selbst zog mir eine andere Infektion zu, die mich einige Tage ins Bett brachte (zuerst dachten wir, ich hätte einen Malariarückfall aka 39,5 Fieber, Schwindel, Gliederschmerzen etc aber Antibiotika hats wieder gut gemacht).

Zweites Problem: Wäsche waschen. Auch am Marigo, zwar an einer anderen Stelle ca 1km entfernt, aber dafür mit Waschplatz. Das Schlimmste daran ist, die ganze Wanne voller nasser Klamotten dann wieder heimzutragen. Dabei hilft mir zum Glück meistens Chimi. Und so ging das Wochenende rum. Und kein Leitungswasser kam. Dank der unschönen Trinkwassererfahrungen ging ich mit einem Bewohner des Centres eine halbe Stunde zu Fuß zu PaMo, um dort mit 5Liter Kanistern und 1Liter Flaschen Trinkwasser zu holen und auch wieder heimzuschleppen. Aber irgendwie wurde es nicht besser. Normalerweise können wir in der Regenzeit gut vom Regenwasser profitieren, nur leider blieb der aus. Und kommt auch jetzt nur alle paar Tage relativ sparsam. Das Eimerschleppen geht also weiter. Hinzu bergrunter und mit 30Kilo Wasser dann bergauf. Die Jungs tragen zum Teil zwei 20Liter Kanister und jeder das, was er kann. Seit drei Wochen warten wir inzwischen auf fließend Wasser. Hoffnung nicht verlieren. Spaß an dem haben, was möglich ist.

 

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